Susanne Schmidt: Balkon

Der Schlaf war auf unbestimmte Zeit verreist, ich wusste nicht, wohin.
Mir blieb nur der Balkon. Jede Nacht schlich ich mich hinaus und hockte dann müde in dem großen Holzstuhl. Neben mir noch ein Glas Wein, noch eine Zigarette.
Meine Blicke lernten fliegen und oft verlor ich mich für ungezählte Stunden in der Dunkelheit.
Irgendwann erwischte mich die Morgendämmerung. Das zarteste Rosa der Welt huschte über den Horizont und brachte neuen Mut und etwas Kraft. Dann trottete ich zurück ins kalte Bett, wälzte mich ein letztes Mal auf dem faltigen Laken und schlief. Lustlos. Allein.
Tagsüber dachte ich an alles- nur um nie an ihn zu denken. Ich war die Meisterin des Drumherum-Denkens.
Immer ging ich nach der Arbeit schnell ins Café an der Ecke. Dort bestellte ich hohe Gläser voller luftigleichtem, cremigweißem Schaum und dickflüssiger, dunkler Schokolade und stürzte mich in die Süße der Himbeertorten und Käsesahnekuchen.
Ich war mir nicht genug. Er fehlte mir so. Immer und überall. Wenn ich gar nicht mehr weiter wusste, ging ich ihn besuchen. Ich legte ihm Blumen aufs Grab und mich daneben. Dann flüsterte er mir sprachlose Worte von Liebe ins Ohr, schenkte Erinnerungen an Arme und Hände und Rücken und Haare und Lippen. Seine Lippen waren kostbare Quellen voller Leben.
Mir blieb nur der Balkon.
Zwischen all den schlafenden Geranien wisperte ich meine Sehnsucht in die leere Gießkanne. Den Fledermäusen band ich winzige Botschaften an die hauchzarten Ohren und jedem dicken Falter schrieb ich Wünsche auf die Flügelspitzen.

Dann, im Café, ganz plötzlich ein Geruch. Nur ein vager Duft in der Nase, nur ein erinnerter Geschmack auf der Zunge und Gänsehaut. Überall Gänsehaut.
Das hatte ich nicht bestellt.
Empört stand ich auf, verlangte die Rechnung und floh.
Zu Hause, vor dem sinnlosen Spiegel, fehlte etwas. Die Augen schauten wütend, der Mund war hart und die Hände fest geschlossen.
Zum ersten Mal in diesem Sommer sehnte ich die Nacht herbei, stellte schon am Abend den Wein auf den Balkon und kaufte eine neue Packung Zigaretten. Ungeduldig lief ich hin und her, zupfte an den vertrockneten Blättern des Weihrauchs und knipste die verblühten Stängel der Geranien ab.
Auf dem Stuhl lag eine dicke tote Motte. Mit dem ersten Abendhauch schwebte sie von meiner ausgestreckten Hand mitten hinein in die dunkelblaue Luft, in die sichere Wärme der Welt.
Diese Nacht war viel zu kurz.

Am nächsten Tag kam die Angst zu Besuch. Sie ließ mich lange zögern. Ich jammerte und schimpfte mit mir. Aber dann holte ich tief Luft, ein ganzes Meer atmete ich ein und ließ mich einfach treiben.
Am Tisch, zwischen Himbeertortenbissen und starken, schwarzen Kaffeeschlucken, wehte sein Geruch zu mir herüber.
Er roch so gut. Ich wagte einen Blick durch mein Wasserglas. Da saß er und las die Zeitung. Und beim Umblättern verirrte er sich in meine Augenblicke.
Schweigend sah er mich an und schickte Fragen durch das Café. Wie konnte sein Geruch meine Heimlichkeit erraten?
Und plötzlich, wie ein Donner aus heiterem Himmel, überfiel mich die Sehnsucht nach Liebe mit gewaltiger Wucht.
Und ich wusste wieder alles:
Niemand sollte Nachts alleine auf Balkonen hocken müssen.

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