Gunter Fezer: Mach's gut, Papa! – Ein Märchen für den armen Franz

Er liebte es, uns Kinder in den Boden, aus dem wir wild hervor wuchsen, zurückzustampfen. Kaum regte sich ein Kindskopf aus der Furche, schon trat er zu. Nicht mit derben Stiefeln. Nein, mit zartester Erziehung. Die kam in federleichten Sätzen daher. Solchen wie: "Mein Sohn tut so etwas nicht." Es dauerte lange, bis wir Kinder im Zurückstampfen den Vater und im Vater den durch die Vorväter Verdorbenen erkannten. Da wollten wir den Vater retten. Der Eigenwilligste unter uns begehrte mit harten Worten gegen das elende Zurückgestampftwerden auf. "In dich ist wohl der Teufel gefahren!" schimpfte ihn die Mutter. Ihr Zorn auf den Bruder erschreckte uns. Derart von der eigenen Brut getupft verließ der Vater bekümmert das Haus, um Rat einzuholen, wie solchem Widerstand zu begegnen sei. Der um Rat Befragte, ein gelehrter Kindsversteher, erklärte den Aufbegehrer für verrückt. Denn: verschließe man sich dem Erzogenwerden, könne man gar nichts anderes als verrückt sein. Das Leben sei ja kein Zuckerschlecken, man müsse auf seine härtesten Verformungen durch eine womöglich noch härtere Erziehung vorbereitet werden. So oder ähnlich redete der Ratgeber dem Zurückstampfer gut zu. Der Vater aber dachte wohl bei sich, dass dieser da auch einmal zurückgestampft gehöre, ließ es aber sein und behandelte den Bruder von da an wie einen Verrückten, will sagen, er ließ ihm alle Güte angedeihen, zu der ein Vaterherz fähig ist. "Der Papa wird's schon richten", war jetzt seine ständige Rede. So misslang dem Bruder das Leben schließlich ganz. Ach, lieber, lieber Leidensbruder! Wir anderen dagegen hatten Glück im Unglück. Uns ließ der Zurückstampfer weiterhin nichts nach. Kaum waren unsere hellen Köpfchen aus dem Boden, krach, trat er wieder zu. Schließlich gelang es uns aber, ihm zu entkommen. Wie leicht war es doch! Wir krochen durch Maulwurfsgänge bis an das Ende eines Regenbogens. Dann ging's, hui, hoch hinauf bis zum Zenit und schon waren wir über'n Papa weg.
FrauSchmidt - 15. Nov, 13:49

Märchen für den armen Franz

In mir regt sich Widerstand:
Ich lese hier kein Märchen sondern eine Erzählung. Wer ist "der arme Franz"?
Wie kann etwas mit "zartester Erziehung" und "federleichten Sätzen" "zurückstampfen? Warum so viel Ironie und Zynismus bei einem solch sensiblen, geradezu privatem Inhalt/Thema?
Der Autor verwirrt durch die nicht zueinander passenden Bildern. Dadurch geht die tatsächliche Schönheit des Textes verloren. Schade.

malipp - 21. Nov, 20:00

Vielleicht wäre das Wort "Gleichnis" treffender als "Märchen"?

Wirklich märchenhaft wird es erst am Ende vom Text. Ansonsten erscheint mir auch das "Zurückstampfen in den Boden", verstärkt durch die mehrfache Wiederholung etwas zu plaktiv. Generell meine ich aber, dass auch zerstörerische familiäre Beziehungen ein Thema für Literatur sein können (und sollten). Es wird immer Texte des Unbhaustseins wie auch Behaustseins geben, die Frage ist nur, wie literarisch überzeugend ist das (Un-)Behaustsein
umgesetzt.

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