Eiken Asen: Tattoo

Als er leise und sanft auf dem Stuhl in sich zusammenfiel, war es um ihre Dominanz geschehen. Er tat ihr leid. Das war das Aus.

Der Mann saß auf dem Behandlungsstuhl im Tätowier-Studio, denn seine dominante Freundin hatte sich ausgedacht, ihn durch ein Tattoo auf seinem Hintern, rechte
Backe, für immer als ihr Eigentum zu kennzeichnen. Der Schriftzug ‚Property of
Kattrin’ sollte seinen marmorharten Hintern zieren.

Und nun diese Ohnmacht nach ca. 4 Minuten Stechen des Tattoo-Meisters. Der blieb ganz ruhig, tätschelte Wange und Backe des Mannes kräftig. Der Mann kam wieder zu sich. „Sowas kommt vor“, meinte der Meister kühl. „Gleich geht’s weiter, ich steche noch das letzte Wort, das hält der schon aus. Wissen Sie, die Inuit, also die Eskimos,
die machen das ganz anders. Die ziehen mit Farbe getränkte Fäden oder Sehnen unter der Haut hindurch. Dagegen ist das hier Pippifax.“

Als die Frau dem Mann eröffnet hatte, heute würde er gekennzeichnet für immer,
irgendwo untenrum, da war das der absolute erotische Thrill für ihn, Unterwerfung pur.

Aber nun brach alles zusammen. Die Frau tröstete ihn, flüsterte ihm zärtlich ins Ohr „Ist ja gut, alles gut. Wir brechen das ab.“
Sie strich ihm über den Kopf, über seine restlichen 212 weißgrauen Haare, sie hatte sie mal gezählt, als er schlief.

So also stand auf der rechten Pobacke: Property of...
Und so blieb’s. Nie würde jemand erfahren, wessen Eigentum er war.

Der Mann erstarrte geradezu bei ihren liebevollen Bemühungen um sein Wohl, mit sowas konnte er nichts anfangen. Sein etwas verwohntes Gesicht glitt noch mehr aus den Fugen , und das Funkeln in seinen Augen erlosch. Die Frau dachte: Vielleicht ist ja Versagen ganz einfach unser beider Stil. Er versagt im Ertragen und ich in der Dominanz. Aber was soll ich eigentlich mit ihm? Immer noch einen draufsetzen, damit seine Augen wieder funkeln? Niemals Gefühle zeigen? „Geh nach Hause“, sagte sie freundlich. „Ruh dich aus, ruh dich lange aus. Ich habe in nächster Zeit viel zu tun.“

Der Mann sah sie an: „Schade, ich dachte, du bist die Frau, die ich lieben kann. Was für ein Reinfall! Na ja, die Ratten verlassen ja bekanntlich das sinkende Schiff.“

„Ja“, sagte die Frau, „und die Ratten nehmen nichts mehr übel, als wenn das Schiff nicht sinkt. Es sinkt aber, guter Mann, und die Ratten werden mir wohlgesinnt sein für immer. Adé.“

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