Montag, 27. September 2010

Gunter Fezer: ÖTZI IM LICHTZWANG – Sampling Paul Celan

Im RUPFENGEWAND, eingebettet
in den GRENZSCHNEE DER GIPFELHÄNGE
FROSTGEBÄNDERTE KÄFER in der Bauchfalte,
Du mit der FINSTERZWILLE, Du, mit dem Stein
am GEHEIMNISSTRUMPF strickend,
HALBVERDORRTER,
ausgetrieben von der LICHTKEULE
beraubt der ERFAHRENEN STILLE,
AUGENFINGRIG vermessen
in der eiskalten BLASENKAMMER.
Selbst im MOOSLAGER suchen sie
das ENTATMETE, den GEFÄHRLICHEN KEIMLING.
Der GESÖMMERTE SCHNEE gibt
nur Holzsplitter frei
und FAHLSTIMMIG schallt's aus dem ZEITHOF:
Knüpft mir's neu, knüpft mir's neu,
das RUPFENGEWAND

Jenny Schon: Steine virtuell

Wortfetzen wie die Felsbrocken
die herum liegen in Bamiyan
als haben sie keine Geschichte
grenzenlos brockig
herausgebrochen
der Erde zurückgegeben
nivelliert
nur bei genauem Hinschaun sieht man das Ungeheuerliche
das ihnen angetan wurde
die Zerstörung der menschlichen Sprache
jener,
die anders sich ausdrückten und heute nicht mehr sein dürfen
Bamiyan
Symbol der modernen Bücherverbrennung
Ikonoklasten mit Kalaschnikow und Sprengstoff
Geschichten in den Berg gehauen
und wieder vernichtet
hineingeschossen
in die Brüste
in die Schenkel
zuallererst das Gesicht zerstört
im Glauben
es seien Frauen
Buddha weiblich
wie alles
was fließt

Die Gewänder von Alexander zurückgelassen
geschenkt seiner Frau Roxana in der Hochzeitsnacht
alle Einwohner sind Kinder dieser Liebe
sind wunderschön... verschleiert die Frauen
des Gesichts beraubt wie die Buddhafiguren
du sollst dir kein Bildnis machen
der Mensch ist mein Ebenbild...welcher Mensch
Elektronisch gespeichert
entzieht sich die Realität
Und aus Gigabytes entsteht
die Schöpfung neu…
*
Aus: Jenny Schon, Wie Männer mich lehrten die Bombe zu halten und
ich sie fallen ließ, Geest Verlag, Vechta, 2009

Jenny Schon: Die alten Männer – Einem tschechischen Jagdflieger gewidmet, den ich im Zug Prag-Berlin kennenlernte

Die Unduldsamkeit
Der alten Männer
Macht die Zeit
Sie läuft ihnen fort
Wie ihr Einfluß
Ihre Worte
Nennen sie Wahrheit
Und lassen keine
Andere zu
Schaun Sie das ist
So und nicht anders
Ist ihre Weisheit
Die Bomben auf
Dresden o.k.
Und die Kinder
Frage ich die Frauen
Und Alten und
Die Flüchtlinge
Unzählig
Ich bitte Sie
Wie hätte der Krieg
beendet
Werden sollen
Wir haben daraus
Gelernt sage ich
Und welche Möglichkeiten
Gibt es für den Irak
Gar keine
Saddam ist wie
Hitler
Und die Kinder
Frage ich die Frauen
Und Alten und
Die Flüchtlinge
Unzählig

Der alte Mann
Nimmt ein Buch
Über Jagdflieger
Im Zweiten Weltkrieg
Er muß seinen
Vortrag vorbereiten
Bald wird er
Keine Zeit mehr haben
Vorträge zu halten...
Ich aber frage
Weiter nach den
Kindern, den Frauen
Und Alten
Den Flüchtlingen
unzählig

Aus: Jenny Schon, Böhmische/Ceska Polka, dt.-cz., Geest Verlag, Vechta, 2005

Eiken Asen: Tattoo

Als er leise und sanft auf dem Stuhl in sich zusammenfiel, war es um ihre Dominanz geschehen. Er tat ihr leid. Das war das Aus.

Der Mann saß auf dem Behandlungsstuhl im Tätowier-Studio, denn seine dominante Freundin hatte sich ausgedacht, ihn durch ein Tattoo auf seinem Hintern, rechte
Backe, für immer als ihr Eigentum zu kennzeichnen. Der Schriftzug ‚Property of
Kattrin’ sollte seinen marmorharten Hintern zieren.

Und nun diese Ohnmacht nach ca. 4 Minuten Stechen des Tattoo-Meisters. Der blieb ganz ruhig, tätschelte Wange und Backe des Mannes kräftig. Der Mann kam wieder zu sich. „Sowas kommt vor“, meinte der Meister kühl. „Gleich geht’s weiter, ich steche noch das letzte Wort, das hält der schon aus. Wissen Sie, die Inuit, also die Eskimos,
die machen das ganz anders. Die ziehen mit Farbe getränkte Fäden oder Sehnen unter der Haut hindurch. Dagegen ist das hier Pippifax.“

Als die Frau dem Mann eröffnet hatte, heute würde er gekennzeichnet für immer,
irgendwo untenrum, da war das der absolute erotische Thrill für ihn, Unterwerfung pur.

Aber nun brach alles zusammen. Die Frau tröstete ihn, flüsterte ihm zärtlich ins Ohr „Ist ja gut, alles gut. Wir brechen das ab.“
Sie strich ihm über den Kopf, über seine restlichen 212 weißgrauen Haare, sie hatte sie mal gezählt, als er schlief.

So also stand auf der rechten Pobacke: Property of...
Und so blieb’s. Nie würde jemand erfahren, wessen Eigentum er war.

Der Mann erstarrte geradezu bei ihren liebevollen Bemühungen um sein Wohl, mit sowas konnte er nichts anfangen. Sein etwas verwohntes Gesicht glitt noch mehr aus den Fugen , und das Funkeln in seinen Augen erlosch. Die Frau dachte: Vielleicht ist ja Versagen ganz einfach unser beider Stil. Er versagt im Ertragen und ich in der Dominanz. Aber was soll ich eigentlich mit ihm? Immer noch einen draufsetzen, damit seine Augen wieder funkeln? Niemals Gefühle zeigen? „Geh nach Hause“, sagte sie freundlich. „Ruh dich aus, ruh dich lange aus. Ich habe in nächster Zeit viel zu tun.“

Der Mann sah sie an: „Schade, ich dachte, du bist die Frau, die ich lieben kann. Was für ein Reinfall! Na ja, die Ratten verlassen ja bekanntlich das sinkende Schiff.“

„Ja“, sagte die Frau, „und die Ratten nehmen nichts mehr übel, als wenn das Schiff nicht sinkt. Es sinkt aber, guter Mann, und die Ratten werden mir wohlgesinnt sein für immer. Adé.“

Eike Asen: Gespräch eines merkwürdigen Freiers mit der Mutter von drei Töchtern

Der Freier: „Sagen Sie, wieviele Töchter haben Sie? Vielleicht könnte ich eine lieben.“

Die Mutter: „Drei, alle lammfromm.“

Der Freier: „Nun, ich habe Ihre Töchter nie gezählt, aber ich bin sicher, Sie irren nicht. Mütter wissen sowas meist ziemlich genau.
Aber wie ist das mit den Lämmern? Sie gelten völlig zu unrecht als fromm. Sie bocken, brechen aus wie von Sinnen.

Sie verstehen, liebe Frau, es verhält sich in etwa so:
Glattes Haar, von einer schmalen Furche durchzogen, diese jedoch mit wenig Ambitionen, ein Scheitel zu sein. So ist das mit den Lämmern. Nichts hindert diese Tiere, zur Plage zu werden. Sie haben wenig Ambitionen, Lämmer zu sein.

Es gibt noch so viele wesentliche Fragen, z.B. : Haben Sie schon mal Serviettenringe gekauft? Also, Serviettenringe zu kaufen, das geht über meinen Verstand. Was soll denn da gebändigt, umringt werden? Die sanfte Serviette?
Sie antworten nicht ?

Nun, ich will deutlicher werden:

Sehen Sie, ein Dandy würde sich weigern, einen Koffer zu tragen. Ich weigere mich, ein Wölflein im Lammpelz, so eines mit rahmweißer, blonder Stimme,
zähmen zu sollen. Das sind sozusagen Schuhe, die mir zu groß sind, so groß,
dass ich entscheiden müsste, ob ich die Füße vorn oder hinten im Schuh abstelle,
und stolpern würde ich so oder so. Dies zu Ihren lammfrommen Töchtern.

Ach, sagen Sie, wie weit ist es zum Klo ? Dies ist meine letzte Frage an Sie, und sie ist von nicht geringer Bedeutung.“

Bei diesen Worten sah der Mann ganz weit weg, vorbei an der Mutter der drei Töchter, bis ans Ende der Welt oder so.

Die Antwort der Mutter ist leider nicht bekannt.

Susanne Schmidt: Balkon

Der Schlaf war auf unbestimmte Zeit verreist, ich wusste nicht, wohin.
Mir blieb nur der Balkon. Jede Nacht schlich ich mich hinaus und hockte dann müde in dem großen Holzstuhl. Neben mir noch ein Glas Wein, noch eine Zigarette.
Meine Blicke lernten fliegen und oft verlor ich mich für ungezählte Stunden in der Dunkelheit.
Irgendwann erwischte mich die Morgendämmerung. Das zarteste Rosa der Welt huschte über den Horizont und brachte neuen Mut und etwas Kraft. Dann trottete ich zurück ins kalte Bett, wälzte mich ein letztes Mal auf dem faltigen Laken und schlief. Lustlos. Allein.
Tagsüber dachte ich an alles- nur um nie an ihn zu denken. Ich war die Meisterin des Drumherum-Denkens.
Immer ging ich nach der Arbeit schnell ins Café an der Ecke. Dort bestellte ich hohe Gläser voller luftigleichtem, cremigweißem Schaum und dickflüssiger, dunkler Schokolade und stürzte mich in die Süße der Himbeertorten und Käsesahnekuchen.
Ich war mir nicht genug. Er fehlte mir so. Immer und überall. Wenn ich gar nicht mehr weiter wusste, ging ich ihn besuchen. Ich legte ihm Blumen aufs Grab und mich daneben. Dann flüsterte er mir sprachlose Worte von Liebe ins Ohr, schenkte Erinnerungen an Arme und Hände und Rücken und Haare und Lippen. Seine Lippen waren kostbare Quellen voller Leben.
Mir blieb nur der Balkon.
Zwischen all den schlafenden Geranien wisperte ich meine Sehnsucht in die leere Gießkanne. Den Fledermäusen band ich winzige Botschaften an die hauchzarten Ohren und jedem dicken Falter schrieb ich Wünsche auf die Flügelspitzen.

Dann, im Café, ganz plötzlich ein Geruch. Nur ein vager Duft in der Nase, nur ein erinnerter Geschmack auf der Zunge und Gänsehaut. Überall Gänsehaut.
Das hatte ich nicht bestellt.
Empört stand ich auf, verlangte die Rechnung und floh.
Zu Hause, vor dem sinnlosen Spiegel, fehlte etwas. Die Augen schauten wütend, der Mund war hart und die Hände fest geschlossen.
Zum ersten Mal in diesem Sommer sehnte ich die Nacht herbei, stellte schon am Abend den Wein auf den Balkon und kaufte eine neue Packung Zigaretten. Ungeduldig lief ich hin und her, zupfte an den vertrockneten Blättern des Weihrauchs und knipste die verblühten Stängel der Geranien ab.
Auf dem Stuhl lag eine dicke tote Motte. Mit dem ersten Abendhauch schwebte sie von meiner ausgestreckten Hand mitten hinein in die dunkelblaue Luft, in die sichere Wärme der Welt.
Diese Nacht war viel zu kurz.

Am nächsten Tag kam die Angst zu Besuch. Sie ließ mich lange zögern. Ich jammerte und schimpfte mit mir. Aber dann holte ich tief Luft, ein ganzes Meer atmete ich ein und ließ mich einfach treiben.
Am Tisch, zwischen Himbeertortenbissen und starken, schwarzen Kaffeeschlucken, wehte sein Geruch zu mir herüber.
Er roch so gut. Ich wagte einen Blick durch mein Wasserglas. Da saß er und las die Zeitung. Und beim Umblättern verirrte er sich in meine Augenblicke.
Schweigend sah er mich an und schickte Fragen durch das Café. Wie konnte sein Geruch meine Heimlichkeit erraten?
Und plötzlich, wie ein Donner aus heiterem Himmel, überfiel mich die Sehnsucht nach Liebe mit gewaltiger Wucht.
Und ich wusste wieder alles:
Niemand sollte Nachts alleine auf Balkonen hocken müssen.

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